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Ein Bericht über die Delegationsreise von Ministerpräsident Stephan Weil nach Katar

Eigene Stärken und enge Partnerschaften: Katar, ein Land in der Golfkrise

Samstag, 30.11.2019, 04.30 Uhr Einchecken, das klingt früh. Und tatsächlich: Es ist früh. Sehr früh sogar. Um 06.35 Uhr hebt die Maschine vom Flughafen Hannover nach Frankfurt ab, dann weiter nach Doha (Katar). Dort wird die Delegation in Empfang genommen durch den deutschen Botschafter Hans-Udo Muzel und die Repräsentantin der Deutschen Wirtschaft in Katar Kathrin Lemke.

Nach dem Einchecken im Hotel gibt es um 21 Uhr noch einen gemeinsamen Imbiss mit freundlichen Begrüßungsworten von Ministerpräsident Stephan Weil und Botschafter Muzel. Aktualitäten der deutschen Innenpolitik dominieren die Gespräche, die SPD hat gerade ihre Spitze neu gewählt. 


 
Gelegenheit, auch Stephan Weil nach seiner Sicht der Situation zu fragen, in die sich seine Partei hineinmanövriert hat. Auf dieser Delegationsreise werden diese Gespräche rar sein, anders als sonst. Das liegt nicht etwa daran, dass sich der Ministerpräsident hier hätte abschotten wollen. Im Gegenteil: Es ist sogar ein gutes Zeichen. Stephan Weil gelingt es, in einer für das Land erstaunlichen Dichte mit einer ganzen Reihe von Führungspersönlichkeiten des Staates Katar zusammen zu treffen, vom Emir über Scheichs bis hin zu mehreren Ministern, die für die wirtschaftlichen Beziehungen Niedersachsens von Bedeutung sind. Das bringt eine gewisse Trennung des politischen und des wirtschaftlichen Teils der Delegation mit sich. 

Hohes wirtschaftliches Interesse

Katar hält einen beachtlichen Prozentsatz an dem Unternehmen Volkswagen und pflegt auch sonst enge Kontakte zu einer Reihe von Wirtschaftsunternehmen. Stephan Weil berichtet, dass sich die Aktionäre aus Katar auch im Zuge der „Dieselgate“-Krise stets loyal zum Unternehmen gezeigt hätten. Botschafter Muzel ist sichtlich erfreut über das beachtliche Interesse deutscher Unternehmer, die in großer Zahl an der Reise teilnehmen. Und die Staatskanzlei (Nicole Ewert, Thomas Nickel) und das Wirtschaftsministerium (Bernd Fedder) haben gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer Hannover (Beate Rausch) ein Programm zusammengestellt, das dieses Interesse in jeder Hinsicht rechtfertigt. Die kommenden zwei Tage werden voller spannender Kontakte, Erkenntnisse und Eindrücke sein.

Sonntag, 01.12.2019

Erster Advent in Doha. Den Beginn markieren einführende Vorträge zu Politik (Daniel Schemske), Wirtschaft (Kathrin Lemke, Henning Zimmermann) und Recht (Andreas Scherdel). Schemske ist Ständiger Vertreter der deutschen Botschaft in Katar. Er bildet einen Schwerpunkt seiner Ausführungen in der Golfkrise. Seit 2017 wird Katar von seinen Nachbarn mit einer Blockade belegt. Landverbindungen sind gekappt und Katar muss ohne wirtschaftliche Beziehungen zu seiner Region auskommen. See- und Luftwege führen über den Iran. Das brachte harte Einschnitte mit sich, hat aber auch dazu geführt, dass man sich auf seine eigene Stärke besann. Katar musste und wollte beweisen, dass es auch allein überlebensfähig ist. Das ist, wie inzwischen feststeht, gelungen und hat ein enormes Selbstbewusstsein nach sich gezogen. Das wiederum ließ die Neigung der Katari spürbar sinken, seinen Nachbarn entgegen zu kommen und Kompromisse zu schließen. 

Lockerung der internationalen Blockade?

Der anhaltende Konflikt zwischen den USA und dem Iran hinterlässt indes auch hier seine Spuren. Je länger die Sanktionen gegen den Iran anhalten, erst recht aber im Falle einer weiteren Eskalation droht nämlich so die einzige Verbindung Katars zu vielen anderen Regionen der Erde in Mitleidenschaft gezogen oder gar gekappt zu werden. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass in jüngerer Zeit doch wieder Wert auf die Anbahnung und Intensivierung von regionalen Kontakten gelegt wird. Sichtbar wird diese Tendenz just in den Tagen unserer Delegation. Dohas Erscheinungsbild wird vieler Orten von Fußball geprägt. Clubs aus den Golfstaaten treten gegeneinander an und am Montagabend gewinnt die Mannschaft von Katar gegen die Vereinigten Arabischen Emirate – ein Triumph für das ganze Land.


 
Auch Kathrin Lemke wählt ihren Einstieg über das Thema Golfkrise. Trotz der Kosten, die diese Krise etwa wegen höherer Preise des Warentransfers ausgelöst hat, werde die Golfkrise insgesamt als Glücksfall angesehen, weil man durch diesen äußeren Druck rasch vorangekommen ist und insbesondere Reformen, die für Katar wichtig und notwendig sind, umgesetzt hat. Insolvenzverwaltern und Sanierungsberatern wie mir ist der Gedanke, dass einer Krise ein unbeschreibliches Potenzial für Verbesserung und damit ungeahnte Zukunftschancen anhaften können, durchaus nicht fremd. Gleichwohl tut es gut, auch in ganz anderem Kontext diese Erfahrung bestätigt zu finden.

Migration in Stammestradition

Katars Bautätigkeiten sind beeindruckend, auch was Umfang, Geschwindigkeit und Ästhetik anbelangt. Hier wird geklotzt, aber elegant und ohne überbordende Regulatorik. Auch entsprechend qualifizierte Arbeitskräfte sind in ausreichendem Maße verfügbar, eine schiere Notwendigkeit angesichts einer originären Bevölkerung von lediglich 2,8 Millionen Menschen. Für Unterstützung sorgt ein System, das Migration fördert, wo es der Entwicklung des Landes dient. Das Einwanderungsrecht ist dabei von alter Standestradition geprägt, wie Andreas Scherdel erläutert. Ein Katari übernimmt die Verantwortung für den Zugereisten, bietet ihm Schutz und Fürsorge, sorgt aber auch dafür, dass der Einwanderer keine kriminellen Taten verübt. In einem Staat wie Katar gibt es keine Toleranz. Wer gegen die Regeln verstößt, geht. 

Schriftliches Verfahren

Prozesse sind effizient, kurz. Auch Ausländern wird bei Bedarf ein Strafverteidiger beigeordnet, der im schriftlichen Verfahren eine Stellungnahme für seinen Mandanten einreichen kann, wie ich später von einem Gesprächsteilnehmer auf dem Empfang des Botschafters erfahre. Schriftliches Verfahren, man sieht den Richter also gar nicht, der Richter bildet sich keinen persönlichen Eindruck von der Erscheinung und der Glaubwürdigkeit eines Delinquenten. Da lobe ich mir das deutsche Gerichtssystem, wo zumindest eine Möglichkeit besteht, die zuständigen Richter im direkten Gespräch zu erreichen, sie in der – auch kritischen – Diskussion mit Argumenten zu konfrontieren, ja: gelegentlich sogar, sie umzustimmen, wenn sie vorher ablehnend gesonnen waren oder unentschieden. Der hehre Grundsatz einer mündlichen Verhandlung ist auch dann noch richtig, wenn solche Termine in der Praxis gelegentlich zur Farce verkommen, wenn Richter in einigen Fällen eine eisenharte Meinung gebildet haben und das Rechtsgespräch zur leeren Formalität degradieren. 

Neubauten dienen Unternehmen, Banken, Museen – davon später mehr -, nicht zuletzt Hotels. Der Tourismus entwickelt sich trotz der schwierigen politischen Rahmenbedingungen erfreulich. 46 Kreuzfahrtschiffe, so Henning Zimmermann (German Business Council und DB Schenker), werden in dieser Saison 2019/20 erwartet. Auf der künstlich angelegten Insel The Palm finden sich gängige Luxushotels von Kempinski über Intercontinental, St. Regis bis Hyatt. Um den Tourismus anzukurbeln, hat Katar Visafreiheit für 80 Länder eingeführt. Das spürt auch unsere Delegation: Ein- und Ausreiseformalitäten auf dieser Reise sind denkbar einfach und zeitsparend gestaltet. Wer das mit den Warteschlangen in vielen anderen Ländern vergleicht, kann nur angenehm überrascht sein.

 
Anschließend Netzwerken. Auch auf Seiten der Katari ist großes Interesse zu vermelden, ungewöhnlich viele Unternehmer sind erschienen. Nach den USA, China und Indien ist Deutschland das Land mit den engsten Wirtschaftskontakten und das soll erhalten und ausgebaut werden. 

Ich nutze eine kurze Pause für einen Abstecher zur Großen Moschee. Dort gibt es kein Zutrittsverbot, wenn man kein Moslem ist, im Gegenteil: Der Besucher wird an der Tür empfangen und von einem engagierten Betreuer durch den Raum geführt.

Anschließend fährt die Wirtschaftsdelegation zu einem Unternehmen, das mir schon seit einer Reihe von Jahren bekannt ist: ITAG aus Celle. Ursprünglich 1912 in Hamburg gegründet, wurde die Aktiengesellschaft vor einigen Jahren von einem Unternehmer aus Katar gekauft. ITAG widmet sich der Exploration und Produktion von Erdöl, Erdgas und Geothermie. Teile der Fertigung sind in Katar anzutreffen. Wir erfahren eine Führung und dürfen einen Blick in die Produktionshalle werfen. 

Dann weiter zu einem außergewöhnlichen Ort: Dem Scheich Faisal-Museum. Seine Exzellenz Scheich Faisal Bin Qassim Al Thani hat eingeladen und lässt es sich nicht nehmen, den Ministerpräsidenten und dessen Delegation persönlich durch die Sammlung zu führen. Scheich Faisal ist einer der erfolgreichsten und – mit mehreren Milliarden Euro Vermögen auch wohlhabendsten Unternehmerpersönlichkeiten des Landes. Er muss geradezu von einer Sammlerwut getrieben sein, schießt es mir durch den Kopf, während wir endlose Hallen mit noch endloseren Ansammlungen von Kuriositäten abschreiten. 700 Autos gehören dazu, wovon hier 300 ausgestellt sind, Münzen aller denkbaren Provinienzen, Geldscheine, Vasen, Kleidung, Kissen, Schmuck, das Teeservice von Napoleon Bonaparte und blutige letzte Kleidungsstücke von Saddam Hussein. Viele einzelne Stücke sind durchaus interessant, andere wirken eher zufällig aneinandergereiht. Auch für Museen gilt, dass weniger oft mehr ist. Diese Exponate entrümpelt, auf das Wesentliche reduziert, in einen logischen Zusammenhang gesetzt und liebevoll von einem Kurator präsentiert: Man wäre aus dem Staunen vermutlich gar nicht mehr herausgekommen. So, wie es heute ist, hinterlässt die Sammlung eher Fragen. Schade, aber vielleicht wird der Rahmen später nachgeholt. Im Anschluss an die Besichtigung folgt ein Abendessen inklusive Kamelfleisch und Ziege.

Montag, 02.12.2019

Educational City. Der Tag startet mit einer Führung durch Räume der Hamad Bin Khalifa Universität (HBKU). Dr. Said Mansour, dem Director Imaging and Characterization Core Labs, merkt man die Begeisterung für das, was er dort tut, an. „Innovating Today – Shaping Tomorrow“ ist ein Slogan der HBKU und so sehen wir Apparate, die Materialien bei bis zu 1.000 Grad Celsius testen können, und Mikroskope, die auch die „Scheibenwischer“ auf den Augenzellen einer Fruchtfliege erkennen lassen. 


 
Beim Verlassen des Gebäudes sehen wir eine Dame mit einem weißen Luxuswagen vorfahren. Auf ihren beeindruckenden Auftritt angesprochen, erklärt sie, man lebe so kurz und es lohne sich doch nicht, für die Zeit nach dem Tod zu sparen. Das mag alles zutreffen und dennoch ist es für einen Professor an einer deutschen Universität (in meinem Fall: Humboldt zu Berlin) ungewohnt, eine Physikprofessorin mit dieser Einstellung und dem hierfür erforderlichen Kleingeld in der Realität zu erleben (und dabei spreche ich nicht von Honorarprofessoren wie mich, für die die Lehre ohnehin ein reines Ehrenamt darstellt).


 
Schon auf der Busfahrt zu unserem nächsten Ziel werden gelbe Warnwesten ausgeteilt – und personifizierte Identifikationskarten, die um den Hals zu tragen sind. Bei Siemens angekommen, treffen wir geradezu klinisch reine Hallen an. Ayman Ashour begrüßt, lässt den Sicherheitsbeauftragten das Evakuierungssystem erklären und begleitet uns zunächst in die bildschirmreiche Überwachungszentrale, bevor es so richtig zur Sache geht. Heute steht etwas auf der Agenda, das den meisten von uns nie wieder im Leben zuteil wird: S-Bahn-Fahren. Nicht als Fahrgast, sondern am Steuer.


 
Ein österreichischer Techniker führt diejenigen, die selbst fahren möchten, in die Steuerung der Tram ein. Dann geht es los, die Türen schließen, die Passagiere sitzen. 

Leuchtende Augen der Siemens-Mitarbeiter, und das nicht ohne Grund: Haben sie doch hier die fast einmalige Chance, bei der Inbetriebnahme der modernsten Tramway-Technik als Pioniere dabei zu sein, noch dazu in Katar bestens vergütet. Für die frisch gebackenen Hobby-Kapitäne ist es zwar ein kurzes, aber nicht  minder beeindruckendes Erlebnis, wie sich auf leichte Bewegung eines Schalthebels hin die Waggons wie schwebend in Bewegung setzen. Das alles pur elektrisch. Aufgeladen wird, wenn der Zug bei einer Station zum Stehen gekommen ist. Der gesamte Ladevorgang dauert nicht länger als 20 Sekunden, dann sind 100 Prozent erreicht. Das würde für etwa drei Kilometer hinreichen und daher für die durchschnittlich etwa 500 Meter bis zur nächsten Station allemal.

Totmann-Knopf

Zahlungssysteme sind in der Tram nicht vorgesehen, die Benutzung wird kostenlos sein. Zumindest zunächst. Mich interessiert daneben auch der „Totmann-Knopf“. Damit hatte ich in Deutschland schon einiges zu tun, allerdings nur in der abstrakten Diskussion und ohne eine konkrete Vorstellung, wie so etwas aussieht. Als ein großer Anbieter vor einigen Jahren die Pflichtfortbildung für Fachanwälte als Online-Kurs veranstalten wollte, hagelte es – wie unter Juristen nicht anders zu erwarten – Bedenken: Man könne doch gar nicht verifizieren, wer denn dort vor dem Bildschirm sitze, die Identität des aus der Ferne teilnehmenden Rechtsanwalts sei nicht gesichert. Viele kreative Überlegungen wurden daraufhin angestellt, wie man allen Bedenken Rechnung tragen könne, bis hin zur Auflage eines Fingers, dessen Abdrücke vorher genommen würden, während des gesamten Online-Seminars und der ununterbrochen mitlaufenden, gesichtserkennenden Kamera. Schließlich bekamen wir den Auftrag, ein Rechtsgutachten zu fertigen. Wir haben dafür den Gedanken der Totmann-Schaltung aufgegriffen. In jeder Bahn ist ein Knopf installiert, der auf ein Signal aus der Zentrale hin binnen kürzester Zeit gedrückt werden muss, um zu prüfen, ob der Zugführer lebt (in Katar sind es 6 Sekunden). Reagiert er nicht, so nimmt die Zentrale eine Vollbremsung vor. Parallel zu diesem Ansatz erscheinen nun bei Online-Seminaren unregelmäßig und unvorhersehbar Aufforderungen auf dem Bildschirm, einen Knopf zu drücken. Geschieht das, so wird das Seminar für den Berufsträger anerkannt, seine Präsenz gilt als nachgewiesen – und das ohne hypertrophe Regeln. Unser Gutachten wurde an sämtliche deutschen Rechtsanwaltskammern gesandt und das System ist seither bei allen Anbietern gängig und etabliert. 
 


Die nachfolgenden Vorträge von Ayman Ashour (Benefits and challenges of undertaking projects in Qatar) und dem örtlichen CEO Adrian Wood (Benefits and challenges of doing business in Qatar) sind ein weiterer Höhepunkt der Delegationsreise. Ayman schildert, wie Siemens buchstäblich auf nichts traf, als es den Auftrag erhielt, in Katar für eine funktionierende S-Bahn zu sorgen. Kein technischer Standard, kein rechtlicher Rahmen, keine Behörde. Sogar die genauen Erwartungen des Kunden waren unklar – auch diesem Kunden selbst, der schließlich keine Erfahrungen mit diesem Verkehrssystem hatte sammeln können. So wurde schlicht gefordert, die Tram müsse sich den Lebensverhältnissen in der Region anpassen. Aber wie soll das gehen: Ein neues System für Massentransporte einzuführen und gleichzeitig alles so zu lassen, wie es war? Kunde und Siemens mussten vom ersten Tag an lernen, Know-how aufbauen, Lösungen entwickeln. „Qatar deserves the best – and Siemens ist he best“ war dabei der ambitionierte Leitspruch.


 
Adrian Wood hat einen feinen Sinn für Humor und das macht seinen Vortrag neben der inhaltlichen Bereicherung zu einem echten Vergnügen. Katar sei nach dem Pro-Kopf-Vermögen das reichste Land der Erde. Eines der sichersten Länder zudem, man könne unproblematisch mit einer Familie hier leben. Man liebe die Deutschen, das öffne schon allein viele Türen. Ein weiterer Benefit, allerdings nicht für jeden: Die Offenheit gegenüber vielen Staaten, was auch in den bereits erwähnten Visa-Freiheiten seinen Ausdruck findet. 13 Staaten stehen indes auf der Black-list, mit ihren Unternehmen und Bürgern geht nichts, weder Geschäfte noch überhaupt die Erteilung eines Visums für die Einreise. Betroffen ist etwa Nigeria. Ein Nigerianer könnte auch kein Touristenvisum bekommen. „Ist das fair?“, fragt Adrian und beantwortet die Frage gleich selbst: „Nein, aber es ist ihr Land.“ Katari sind „approachable“: Man könne immer mit der Regierung reden. Dort gehe es aber dennoch stets bürokratisch zu.  

„Inshallah happens in business“

Wieder ist die Blockade im Rahmen der Golfkrise ein Thema. Die Erfahrung, es aus eigener Kraft geschafft zu haben, habe die Katari „sehr, sehr stolz“ gemacht. Die Blockade sei insoweit ein PRO und ein CON bei der Aufzählung von Chancen und Risiken in Katar. Die Aufzählung der reinen Nachteile fällt kurz aus. Adrian berichtet von den kulturellen Rahmenbedingungen, die von der Gruppe mit einem verständnisvollen Lächeln quittiert werden. So gingen manche Projekte über bestimmte Zeitabschnitte kaum oder gar nicht voran. Dazu zählten etwa der Monat Ramadan, aber auch die Zeit davor oder danach, die Ferien, zuweilen der Fußball, die Regenzeit und manche Umstände mehr. „Inshallah happens in business“, titelt Adrian und will damit etwas sagen wie „Kommst du heute nicht, kommst du morgen“. Manche Entwicklungen seien unvorhersehbar und damit müsse man sich schlicht arrangieren, wolle man in Katar arbeiten.

Den Abschluss der Veranstaltung beinhaltet noch einen netten Farbtupfer: Diejenigen, die sich getraut haben, an das Steuer zu gehen, bekommen eine höchst feierliche Urkunde überreicht, in meinem Fall also: „Prof. Dr. Volker Römermann – Römermann Rechtsanwälte AG – Has driven the Siemens Avenio tram at Qatar Education City (QEC) – the first Qatari light rail project, catenary-free operation – [Unterschrift] Ayman Ashour – Head of Mobility Division – Siemens W.L.L. Qatar“. Zwei Höhepunkte sollten auf dieser kurzen Delegationsreise nun noch folgen, nachdem die Gruppe im Marwan Club ein Mittagessen zu sich genommen hatte.

Was für ein Museum!

Jean Nouvel ist der Architekt, der in Abu Dhabi das Neue Louvre erschaffen hat, das vor zwei Jahren der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Ein phantastisches, ein beeindruckendes Bauwerk zwischen Land und Meer, mit sorgfältig ausgewählten und zur Geltung gebrachten Exponaten. Ich durfte mir bei einer Urlaubsreise mit meiner Familie davon im vergangenen Jahr ein Bild machen. 


 
Derselbe Architekt durfte diesem Meisterwerk nun in Katar ein weiteres zur Seite stellen: Das National Museum, vor sechs Monaten eröffnet. Es hat die Form einer Wüstenblume, und das nicht nur von außen, sondern die ungewohnten Übergänge und Verläufe von Wänden, Böden und Decken setzen sich im Innern fort. Schon der äußere Anblick fesselt, erst recht aber das, was innen inszeniert wird – man kann es nicht anders bezeichnen als so. Es ist ein großes In-Szene-Setzen jedes Einzelstücks. Die großen, langen Mauern sind Teile der Inszenierung, dort laufen Filme aus der Geschichte der Erde und aus dem Leben und der Kultur Katars. Dieses Leben spielte traditionell in der Wüste, auch der Falke darf hier natürlich nicht fehlen, und nicht die Perlentaucher im Golf mit ihren harten, oft mörderischen Lebensbedingungen. 

Förderung und Vernachlässigung der Kultur

Wieder einmal kann ich den Gedanken daran nicht verdrängen, wie verarmt, verloren und vernachlässigt der deutsche Kulturbetrieb daherkommt, wo man nicht einmal mehr davor zurückgeschreckt ist, Goethes Wohnhaus am Weimarer Frauenplan aus Kostengrünen zu schließen. Kultur und Geschichte sind eben nie „alternativlose“ Ausgaben und die Zeiten eines insoweit aufgeschlossenen Historiker-Kanzlers Helmut Kohl sind ihrerseits längst Geschichte. Katar also: Hier gibt es Geld, hier ist man willens und bereit, es in die Bewahrung und Förderung eigener Kultur zu investieren. Hier müssen nicht müde Schulklassen zwangsweise vor langatmige Schautafeln gezerrt werden. Jeder Abschnitt des Museums verfügt über Mitmach-Stationen, in denen interaktiv und auf dem allerneuesten technischen Stand auch jedes Kind simulieren darf, wie es ist, nach Perlen zu tauchen oder im Beduinenzelt zu übernachten. Wenn in Deutschland eines Tages Helloween die überkommenen Feste gänzlich verdrängt und Hänsel & Gretel restlos von Bob the Builder abgelöst worden sein werden, besteht zumindest für die Araber die Hoffnung, ihre Kultur zu würdigen. Bewundernswert.

Danach ein Marsch durch den Souk. Auffällig angenehm auch diese Erfahrung, niemand wird bedrängt, alles wirkt aufgeräumt und sauber. Am Ende ein Falkenhändler mit angeschlossenem Hospital, in dem man sogar Federn transplantieren lassen kann. Falken kosten von ein paar hundert Dollar bis zu mehreren Millionen. Wer möchte, kann bei Qatar Airlines seinen Falken standesgemäß mit in das Flugzeug nehmen.

Empfang beim Botschafter

Abends der Abschlussempfang beim Botschafter. Nach Hans-Udo Muzel spricht Ministerpräsident Weil. Er ist begeistert und hat dafür allen Anlass. Die Gespräche hatten auf höchster Ebene stattgefunden, waren effizient, zielführend, und das Ganze fand auch noch gehörige Beachtung in den deutschen Medien. Stephan Weil wusste, dass auch der wirtschaftliche Teil der Delegation ein voller Erfolg war. Mehrere Teilnehmer kommen mit ganz konkreten Ansätzen zurück, zum Teil waren schon vor Ort Verträge verhandelt oder sogar unterzeichnet worden. 


 
In Zeiten, in denen deutsche Außenpolitik kaum stattfindet und die Innenpolitik der Unregierbarkeit des eigenen Landes entgegenzuwanken scheint, sind solche Unternehmungen ein positives Signal. Es geht also noch. Wer will und die Strapazen derartiger Reisen nicht scheut, kann Erfolge erzielen für sein Land. Stephan Weil hat diese Chance genutzt und für Niedersachsen umgesetzt.

Für weitere Impressionen von der Reise verweise ich noch auf den Instagram-Kanal von Ministerpräsident Weil unter instagram.com/stephan.weil/ und die Facebook-Seite der IHK Hannover unter facebook.com/ihkhannover/

Autor
  • Prof. Dr. Volker Römermann
    Prof. Dr. Römermann ist Vorstand der Römermann Rechtsanwälte AG und als Experte insbesondere im Gesellschaftsrecht, Insolvenzrecht und im Recht der freien Berufe bekannt.
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