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Auf Delegationsreise mit Ministerpräsident Weil

Failure is an option – Lessons learned im Silicon Valley und in Mexiko

Vom 2. bis 8. Oktober 2016 konnte ich als Teil der Delegation des Niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil u.a. im mexikanischen VW-Werk, bei Facebook und auch an der Stanford University viele spannende Eindrücke sammeln und neue Erkenntnisse gewinnen. Die Delegation, die in Mexiko und in den USA unterwegs war, bestand aus der Landesregierung (insbesondere Innenminister Boris Pistorius), Politik (unter anderem Fraktionschefs der SPD, CDU, Grünen, FDP im Landtag) und Wirtschaft. Hier mein kleiner Reisebericht mit Impressionen von mexikanischen Gerichtsverhandlungen bis zum „Internet of Things“ im Silicon Valley.

Mexiko: Automobil-Zentrum Amerikas

In Mexiko stand die Automobilindustrie im Fokus der Betrachtung. In diesem Land sind nach und nach alle wichtigen Automobilbauer der Welt mit eigenen Werken vertreten, VW schon seit über 50 Jahren, Audi seit 2016, BMW baut gerade ein Werk, viele andere sind seit einigen Jahren präsent. Die Investitionen liegen im Milliardenbereich. Außenhandelsabkommen tragen dazu bei, dass die in Mexiko hergestellten Fahrzeuge nicht nur nach Nordamerika, sondern auch in andere Teile der Welt transportiert werden können. Die Arbeitskräfte sind vergleichsweise gut ausgebildet, die lokale Politik fördert die Investitionen. Probleme Mexikos wie Drogen- und sonstige Kriminalität einschließlich Korruption sind eher regional zu bemerken (z.B. Acapulco, einstige Touristen-Hochburg), nicht in den Auto-Zentren. Eine Werkshalle bei VW bestand praktisch nur noch aus Robotern. Da ist es nur noch ein kleiner Schritt zu dem dazu passenden Produkt: dem fahrerlosen Pkw.

Connected vehicles
Auch beim fahrerlosen Pkw soll der Kunde im Mittelpunkt stehen. 

Wagniskapital im Silicon Valley

San Francisco: Generalkonsul Stefan Schlüter berichtet von einem Venture Capital-Geber. Der habe kürzlich berichtet, dass 85 % seiner Investitionen in Start-Up-Unternehmen scheitern, 13-14 % von der Hand in den Mund leben, aber 1-2 % richtig erfolgreich werden. Als in einem Jahr weniger als 85 % Scheitern festzustellen war, fiel der VC-Geber in Sorgenfalten. Das bedeute doch, dass man womöglich zu wenig riskiert und die guten 1-2 % nicht identifiziert habe. Scheitern - fast schon ein Vorteil. Kommt ein ideenreicher Start Up Kandidat zum Financier ist ein früheres Scheitern kein Makel sondern kann sogar ein Pluspunkt sein wenn man vermitteln kann, daraus konkret einiges gelernt zu haben. Scheitern bedeutet also nicht – wie häufig in Deutschland -  eine automatische Disqualifizierung für die Finanzierung eines neuen Projekts, sondern kann bei der Bewertung eines Finanzierungsantrags sogar ein positiver Aspekt sein, natürlich nur, soweit schlüssig dargelegt wird, dass man aus einem nicht erfolgreichen Projekt die notwendigen Erfahrungen und Schlussfolgerungen gezogen hat. Was für eine Welt! Die Kultur des fresh start, des Neubeginns, der ehrlichen zweiten, dritten oder vierten Chance, hier gibt es sie wie nirgendwo sonst auf der Welt.
Im Silicon Valley sitzen die fünf wertvollsten Unternehmen der Welt, z.B. Facebook, Google, Apple. Sie alle sind nicht älter als 25 Jahre, Start-Ups also. Andreas von Bechtolsheim, selbst Gründer weltweit erfolgreicher Unternehmen, berichtete der Delegation über seine Erfahrungen aus über 30 Jahren Silicon Valley. Seine These deckt sich mit der von Stefan Schlüter: „Failure does not matter. Success is what matters.“ Etwa ein Viertel des Venture Capitals der gesamten Welt werden im Silicon Valley investiert. Dem entsprach die Aufbruchsstimmung, die der Delegation in vielen Unternehmen begegnete. 

Offene Arbeitskultur und das „Internet of Things“

Etwa bei dem Besuch von Facebook, mit 8.000 Mitarbeitern im Grunde schon einer kleinen Stadt im Tal. Restaurants findet man dort, Friseure, Ärzte, Einkaufsläden. Nur Betten nicht, zum Schlafen gehen die Mitarbeiter nach Hause. Aus Sicht mancher Deutscher kritisch: Eine „Vereinnahmung“ durch das Unternehmen. Aber natürlich alles freiwillig, es ist ein Angebot, alles am gleichen Ort zu tun, Zeit zu sparen. Eine offene Mitarbeiterkultur, wie sie in Deutschland auch schwer vorstellbar erscheint: Jeder verfügt über Mobilgeräte, eine Führerin durch das Facebook-Gelände berichtete, sie arbeite am liebsten im Café. Essen ist zu jeder Tageszeit kostenlos, es gibt unterschiedliche Bistros, auch für die Delegation frei zugänglich. Arbeitszeiten erfasst niemand. Die Manager definieren Ziele und prüfen deren Einhaltung, mehr nicht. Derzeit arbeitet man bei Facebook daran, Internet mit hoher Geschwindigkeit in den Teilen der Welt für jedermann zugänglich zu machen, wo das bislang nicht möglich ist, etwa in Afrika oder weiten Teilen Asiens. Erreicht werden soll das durch spezielle Flugobjekte, die wie Satelliten wirken und die Erdoberfläche abdecken.

 
 
 
Das Facebook Headquarter in Menlo Park: Wie eine eigene kleine Stadt.

Viele Ideen, die im Valley umgesetzt werden, können den Alltag verändern. Dazu gehört etwa der elektronische Sender von Jabil, der an Babykleidung montiert ist und zu jeder Zeit den Atem kontrolliert. Oder – ebenfalls vom Weltkonzern Jabil, den kaum jemand kennt, weil er nur im B2B unterwegs ist – die Sicherung von Packungen mit Babynahrung: Wird im Supermarkt eine Packung geöffnet, so sendet das Gerät eine Alarmmeldung an das Management. Natürlich spielte auch das fahrerlose Auto im Rahmen der Delegationsreise immer wieder eine wichtige Rolle. Nicht nur unter technischen Aspekten, sondern auch unter psychologischen: Ganze Teams arbeiten an der Fragestellung, wie Verkehrsteilnehmer mit fahrerlosen Pkws umgehen werden, und zwar sowohl diejenigen, die im Auto sitzen, als auch die, denen ein Fahrzeug ohne Fahrer auf der Straße begegnet. 

Präsentation der Jabil-Produkte
Internet der Dinge: Präsentation der Jabil-Produkte

Öffentlich-schriftliche Gerichtsverhandlung in Mexiko

Als Rechtsanwalt lässt man die Gelegenheit, bei Reisen etwas über die Rechtssysteme außerhalb Deutschlands zu erfahren, selbstverständlich nicht aus. Also marschierte ich in der Hauptstadt Ciudad de México in das Tribunal Superior del Distrito Federal, um mich zu einem Richter und einer mündlichen Verhandlung durchzufragen. In der 13. Etage des Gebäudes landete ich schließlich in einem Großraumbüro mit etwa acht Schreibtischen und einer Abtrennung für das Zimmer des Richters Nr. 41 des Familiengerichts. An den Schreibtischen arbeiten angestellte Juristen, licenciados/licenciadas, und dort erscheinen die Prozessparteien. Die Juristen nehmen alle Informationen und Beweise auf und reichen einen schriftlichen Bericht bei dem Richter herein, der es entscheidet, um danach das Urteil wieder von dem Juristen vorbereiten und vom Richter abzeichnen zu lassen. Auf meine Frage, wie oft er denn die Parteien persönlich überhaupt sehe, meinte der Richter: selten, nur, wenn es eine Besonderheit, einen Ausnahmefall gebe. Der Bericht reiche im Regelfall völlig aus, um den Fall abschließend zu beurteilen. Wie oft denn die „Öffentlichkeit“ vorbeikomme und sich tatsächlich mit an den Schreibtisch des licenciados setze, wollte ich von der Sekretärin des Richters wissen. Offenbar nie, denn schon die Frage und erst recht mein Erscheinen kamen ihr äußerst sonderbar vor – abgelehnt wurde das allerdings nicht, im Gegenteil, ich wurde sehr nett empfangen und durfte bei der Sekretärin auf zwei Prozesse warten – vergeblich, denn die Parteien erschienen nicht, was in Mexiko derart häufig vorkommt, dass niemand vom Ausbleiben irgendwie irritiert war.

Tribunal Superior de Justica del Distrito Federal in Cuauhtémoc, Mexiko

Persönliche Förderung und lebenslange Verbundenheit an der Stanford University

Ein Arbeitsbesuch in zwei Ländern, wie er intensiver kaum vorstellbar war. „Allen Teilnehmern schwirrt der Kopf“, so resümierte Stephan Weil zutreffend den Zustand seiner Delegation nach einer solchen Vielzahl von Informationen, Gedanken und Eindrücken. Man müsse das erst einmal verarbeiten und auch in Niedersachsen Schlüsse daraus ziehen, was man auf der Reise habe sehen können. Der Ministerpräsident hatte an verschiedenen Stellen gefragt, was sein Land besser machen könne, etwa als in Stanford eine deutsche Professorin über ihre Forschungs- und Lehraktivitäten dort berichtete. Stanford, eine Elite-Universität, Verhältnis Professoren zu Studenten 1:4, umfangreiche Vernetzung nach außen, enge Verbindung untereinander sowohl während des Studiums als auch danach, optimale persönliche Förderung. Gerade das Mentorenprogramm wurde von der Professorin und einigen deutschen Studenten, die in Stanford lernen und arbeiten, hervorgehoben. Hierdurch werde eine Verbundenheit erzeugt, die lebenslang hält und sich nicht zuletzt in Mitteln niederschlägt, die der Universität von ihren Alumnis in großem Stil später zufließen, wodurch wiederum die Studienbedingungen weiter verbessert werden. Das hätte er sich von seiner deutschen Universität auch gewünscht, aber niemand habe sich der Organisation angenommen, beklagte ein Student. Viele der Stanford-Studenten wechseln unmittelbar in Start-Up-Unternehmen, von Einstiegsgehältern um 200.000 Dollar für Spitzenabsolventen ist die Rede. Der Raum im Valley ist begrenzt, das Reservoir an Top-Mitarbeitern auch, kein Wunder, dass sie umworben werden.

Stanford University
Die kalifornische Stanford University

Eine fruchtbare Reise, die für alle Beteiligten zahlreiche Anregungen bereit hielt und aus der nun in deutschen Unternehmen, aber auch in der niedersächsischen Politik sicher noch über lange Zeit eine Menge Erkenntnisse abgeleitet werden.

Autor
  • Prof. Dr. Volker Römermann
    Prof. Dr. Römermann ist Vorstand der Römermann Rechtsanwälte AG und als Experte insbesondere im Gesellschaftsrecht, Insolvenzrecht und im Recht der freien Berufe bekannt.
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