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Auf Delegationsreise mit Ministerpräsident Weil

Impressionen aus China und Japan

Vom 21. bis 28. Mai hatte ich die Gelegenheit, mit dem Niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil und einer Delegation aus Wirtschaft und Politik durch China und Japan zu reisen. Ein dichtes Programm, eine Vielfalt von Eindrücken. Über einige Aspekte möchte ich nachfolgend berichten.

Beijing/Peking: Nach durchflogener Nacht Ankunft früh morgens, ins Hotel, erste Programmpunkte. Die Stadt erstreckt sich unendlich lang, alte, zuweilen schäbige Gebäude neben modernen Wolkenkratzern. Wie kann es kommen, dass Menschen im hiesigen Verkehr überleben? Überall Gedränge, Menschenmassen strömen über die Straßen, Fortbewegungsmittel aller Art. Überall auch Polizisten. Internet – auch im Hotel – ist schwergängig, nervenaufreibend. Deutsche Nachrichtenseiten können nicht aufgerufen, Bilder fast nicht verschickt werden. Die Kontrolle ist allgegenwärtig. Am Morgen bayerisches Frühstück im modernisierungsbedürftigen Kempinski mit Weißwürsten und Brezeln. 



Zugfahrt nach Jinan. Die erste Klasse ist komfortabel wie ein Flug mit Business Class, es gibt Getränke, wenige Sitze können in Liegeposition gestellt werden, der WLAN-Empfang funktioniert perfekt. Mit 303 km/h vorbei an nicht enden wollenden Hochhäusern, oft im Bau. Trabantenstädte in Serie. Wie wird ein Bewohner damit fertig, sein Leben eingepfercht in und zwischen Betonbunkern zu fristen? Was löst diese Umwelt psychologisch in ihm aus? Meine Versuche, genauer zu ergründen, wie diese explosionsartige Bauwut zu erklären ist, scheitern. Die Ein-Kind-Politik müsste doch zu einer Stagnation der Bevölkerung, längerfristig zu ihrem Rückgang führen. Sicher, es gibt Aufweichungstendenzen, Paare, die beide Einzelkinder waren, sollen jetzt wohl schon zwei Kinder haben dürfen. Leisten können sich das aber offenbar ohnehin nur Wenige. Landflucht, ein weiterer Erklärungsansatz. Taugt er für diese schiere Masse an Neubauten? Die Altersentwicklung: Ja, auch in China wird man älter, die Geburten sind daher zahlreicher als die Todesfälle. Immobilienpreise stiegen gewaltig, heißt es, und wenn man abends in die Fenster blickt, sind wenige beleuchtet. Bauen auf Vorrat also, als Kapitalanlage, reservieren sich Landkinder ein Standbein in der Stadt?



Besuch bei Inspur, einem Anbieter von Cloud-Computing- und globalen IT-Lösungen, 26.000 Mitarbeiter auf der ganzen Welt, 9,8 Milliarden US-Dollar Umsatz. Einer der größten Serverhersteller weltweit. Inspur besitzt in der IT-Branche mehr als 5.000 Patente. 3D-Simulationen beflügeln den Spieltrieb. Empfang durch den Gouverneur, abends in der Goldenen Halle. Goldene Halle, der Name ist Programm. Stalinistische Großbauten, im riesigen Saal viel goldener Wandschmuck. Nahezu 100 Millionen Einwohner hat die Provinz Shandong. Einhundert Millionen, mehr als ganz Deutschland. Man ist stolz auf solche Zahlen und die dahinter stehende Kraft. Man fühlt aber auch den Zwang, sich wirtschaftlich fortzuentwickeln. Nicht schrittweise, sondern mit einem Ruck. Empfänge in China (und Japan) enden abrupt. Zur protokollarisch vorgesehenen Minute erhebt sich der Gastgeber, dankt und schließt. Zwei Minuten später erscheinen Bedienstete am Tisch, die zum Aufbruch auffordern. Eine Art Rauswurf, man kann es auch gute Organisation nennen, je nach Blickwinkel. Der Vorteil jedenfalls: Jedes Delegationsmitglied konnte nach 22 Uhr oft noch ein Bierchen trinken – oder sich den am Tage aufgelaufenen E-Mails zuwenden.

Ministerpräsident Weil testete bei Inspur die neueste VR-Technologie.

Business-Empfang am Morgen. Hunderte von Chinesen sind erschienen. Der Gouverneur eröffnet, der Ministerpräsident spricht ein paar Worte, ein Film feiert hymnisch die Entwicklung der letzten Jahre. Der Geschäftsführer des JadeWeserPort in Wilhelmshaven berichtet über die einzigartigen Entwicklungsmöglichkeiten dieses Hafens. Dann stürmen Heerscharen chinesischer Interessenten auf die Delegationsmitglieder los. Jedes, ja: jedes einzelne Mitglied der Delegation bekommt seinen eigenen Dolmetscher zur Seite gestellt. Viele können Deutsch, andere zumindest Englisch. Mein Dolmetscher, Sprachstudent, hatte sich unsere Kanzleiwebseite angeschaut, wusste von meiner chinesischen Anwaltskollegin Jieyao Hu-Windheim, kannte alles. Perfekte Vorbereitung. Wie viele Visitenkarten und Broschüren wohl in diesen Stunden den Besitzer gewechselt haben? Und das nicht pro forma, nein: von echtem Interesse an konkreten Wirtschaftskontakten getrieben. Eine Netzwerkveranstaltung, wie ich sie in dieser komprimierten, auf das Äußerste verdichteten Weise selten, vielleicht nie erlebt habe.

Im Zug nach Qingdao mit der Zugchefin, MdL Große Macke und Prof. Hou von der TU Clausthal

Weiterfahrt nach Qingdao, das ehemals deutsche Pachtgebiet Tsingtau. Tsingtau, der Pachtvertrag war mit Druck erzwungen worden und hätte, wäre nicht der Erste Weltkrieg dazwischen gekommen, Deutschland bis in die 1990er Jahre ein Standbein in Asien verschafft. Im Kriege Eroberung durch die Japaner, die kriegsgefangenen Deutschen wurden nach Bando verbracht – dazu noch sogleich im Japan-Teil. Chinesen haben keine schlechte Erinnerung an die deutsche Zeit. Das Bier „Tsingtao“ hat alle Zeitenwechsel überstanden, die Kathedrale ist ein überaus beliebter Ort für offizielle Hochzeitsfotos (religionsübergreifend), der Gouverneurspalast und das Gästehaus sind nur die markanteren der vielen aus der Wende vom 19. zum 20. Jh. stammenden Gebäude. Strandpromenade mit dem üblichen Kitsch, abendlicher Spaziergang mit dem MP. 



Der Ökopark in Qingdao ist ein verzauberter Ort. Klar, es gibt die Unternehmen. Der Fußballverein Bayern München ist mit Gebäude und Übungsplatz vertreten. Rossmann importiert inzwischen in immer größerem Stil Waren nach China, hat Flagship-Stores eröffnet. Die Chinesen dürsten nach derartigen Produkten. Ich betrachte die schiere Größe des chinesischen Marktes und frage mich, ob sich ein Unternehmen Rossmann in einem Jahrzehnt noch an die deutschen Ursprünge erinnern mag, wenn es in Asien explosionsartige Wachstumsraten hingelegt haben könnte. Kooperationsverträge werden feierlich unterzeichnet, Universität Qingdao und die TU Clausthal etwa. Der Minister für Wissenschaft und Technologie der Volksrepublik China, Professor Wan Gang, ist ein Alumnus der TU Clausthal, war 1991 im Harz promoviert und später zum Honorarprofessor an der TU Clausthal bestellt worden. Zum Abschluss wird es immer schöner: Rhododendren auf einem Hügel, bukolische Landschaft. Die Pflanzen, dereinst aus Asien nach Deutschland gekommen, werden nun im Ammerland gezüchtet und die Brücke zwischen beiden Ländern wird geschlagen. Abflug nach Japan.



Moloch Tokyo. Über neun Millionen Einwohner. Über fünfzigtausend Restaurants. Keineswegs beschränkt sich das kulinarische Portfolio dieses Landes auf Sushi, worauf es in der deutschen Wahrnehmung oft ganz zu Unrecht oft reduziert wird. Drei Empfänge mit japanischen Spezialitäten zeigen eine feine, mit Liebe zu Dekoration und Details ausgestattete Küche. Japaner sind immer freundlich, lachen viel mit den Augen, die Verbeugung erscheint als ehrliche Respektsbekundung, bei Abfahrt des Busses stets Zuwinken der Gastgeber. Eine Aura der Freundschaft wird in den Reden des Ministerpräsidenten immer wieder betont und er bringt damit zum Ausdruck, was wohl alle denken. Japan erscheint, wenn man die Betonwüsten der chinesischen Städte gerade hinter sich gelassen hat, geradezu luftig. Es gibt Grünflächen, Berge. 

Unmittelbar nach der Landung Fahrt zu Continental, das Unternehmen betreibt eine Teststrecke in Japan. Man verfolgt eine „Vision Zero“: Keine Unfälle mehr, keine Verletzten, keine Verkehrstoten. Das alles wird erreicht durch Assistenzsysteme, die menschliche Unzulänglichkeiten ausgleichen und durch Perfektion ersetzen. Ein weltweiter Trend, einige Delegationsteilnehmer kennen das schon aus dem Silicon Valley (siehe meine jeweiligen Blog-Beiträge: Delegation MP Weil 2016, Delegation WM Lies 2017). Größte Geheimhaltung. Handys der Teilnehmer sollen abgegeben oder es soll zumindest die Kameralinse jedes Handys abgeklebt werden. Drei Testautos werden interessierten Delegationsteilnehmern zugeteilt. Ich sitze am Steuer des autonomen Autos. Ich gebe Gas, das Auto erkennt – wenn die Seitenstreifen eindeutig genug sind – die Spur, hält sie selbständig. Das Vergnügen ist nach ein paar Sekunden vorbei, lang ist die Strecke nicht. Umsteigen in das zweite Fahrzeug. Jetzt geht es um selbständiges Bremsen. Ich fahre mit 30 km/h – so will es der technische Begleiter – auf ein Hindernis zu, einen als Auto bemalten Ballon. Das Fahrzeug hält einige Zentimeter vor dem Hindernis abrupt an. Das war schon alles. Ich sage zu dem Techniker, dass mein heimischer BMW das auch alles kann – ohne dass ich morgens beim Einsteigen mein Handy abkleben müsste. 

Einzigartiger Ausblick beim Frühstück.

Das Hotel nennt sich Tokyo New Otani Garden Tower, zu Recht. Beim Frühstück Blick auf den wunderschönen – an diesem Tag leider verregneten – Garten, im Teich Koi-Karpfen. Dann Firmenbesuche. Bei NEC Innovation World ein Blick darauf, was Technologie heute kann. Ich greife nur ein Beispiel heraus: Sicherheit. Wachsenden Gefahren kann in einer Gesellschaft auf engem Raum nicht mehr effizient genug mit Mauern und Einlasskontrollen begegnet werden. Intelligente Kamerasysteme übernehmen wesentliche Aufgaben. Gesichtserkennung ermöglicht es – vorausgesetzt, das Gesicht ist im Datenbestand erfasst –, binnen Sekunden zu erkennen, ob etwa eine auffällige Person einen Raum, ein Fußballstadion, eine Konzerthalle betritt. Auf das Mobiltelefon eines anwesenden Security-Mitarbeiters gesandt, verfügt er über alle notwendigen Informationen, um gezielt und vorbeugend einzuschreiten. Oder die Raumüberwachung: Die Kamera erfasst und analysiert Ungewöhnliches, zum Beispiel: Eine Person verlässt vorgezeichnete Wege, eine Person fällt, eine Person erscheint auffällig oft am selben Ort. Oder Sachen: In der argentinischen Stadt Tigre hat der Einsatz dieser Technologie inklusive Überwachung des fließenden Verkehrs zu einem Rückgang der Pkw-Diebstähle um 80 Prozent geführt. Andere Anwendungsbereiche der Technik sind der Energiesektor oder die sog. Smart City, in der beispielsweise die Müllabfuhr mittels Sensoren erkennt, wann ein Abfalleimer zu leeren ist, und ansonsten nicht zu kommen braucht.

Die automatisierte Gesichtserkennung mit spezifischer Auswertung zur Erfassung von Sicherheitsrisiken wurde uns in NEC Innovation World vorgestellt.

Flug nach Tokushima im Süden Japans, in der Provinz. Etwa 260.000 Einwohner zählt die Stadt, eine Dreiviertelmillion im Bezirk. Besuch eines Pflegeheims für Senioren, idyllisch in den Bergen gelegen, mit dem Namen – ja! – „Heidi“. Die Pflegekräfte hätten zum Teil in Deutschland gelernt und dahin bestünden weiter gute Verbindungen, erläutert die Leiterin der Einrichtung, deren Schwestern „Baden“ und „Bayern“ heißen. Niedersachsen fehle, bemerkt der MP im Scherz und erntet eine aufrichtige Entschuldigung. Das durchschnittliche Alter der Bewohner liegt bei 90 Jahren, davon etwa die Hälfte dement. Deutschland und Japan haben mit vergleichbaren Problemen der Altersentwicklung zu tun.

Dann zu einem „Satelliten“: Zunehmend siedeln sich Unternehmen aus Tokyo in der Provinz mit Zweigstellen an. Diese Dezentralisierung wird von der Politik, die auch selbst damit experimentiert, gefördert. Ein Gedanke dabei: Man stelle sich das Unvorstellbare vor, die Verwüstung Tokyos durch eine Naturkatastrophe. Wie kann sichergestellt werden, dass das Land danach weiter funktioniert?

Kriegsgefangenenlager Bando. Kriegerdenkmale zu ehren, gehört im Jahre 2017 nicht mehr zum Alltag deutscher Politiker. Im Gegenteil, man distanziert sich von der Geschichte, aus der Vogelperspektive moralischer Unfehlbarkeit ist Kampf Verbrechen und alle, die für Deutschland gekämpft haben, sind Verbrecher. Wer das verinnerlicht hat, wird mit Leichtigkeit Helmut Schmidts Uniform-Foto aus deutschen Kasernen verbannen. Nachdem die Japaner 1916 Tsingtau der deutschen, spärlichen Truppe abgerungen hatten, wurden die Gefangenen in Internierungslager verbracht, eines davon mit über 1.000 Einwohnern Bando. Es gab Baracken, wie es sich gehörte, für Mannschaften und für Offiziere. Der japanische Kommandant gewährte Freiheiten, wie sie sogar zu Zeiten, als man den Gegner noch ehrte, weit über den Standard hinausgingen. Die Lagerinsassen hatten Ausgang, konnten Post und Geld empfangen und sich damit Dinge kaufen. Es entstand eine Art Dorf im Lager mit eigenen Betrieben, einer Druckerei für die deutsche Lager-Zeitung und Lager-Bücher, Werkstätten, sogar ein Orchester. Als der Krieg sich dem Ende zuneigte, führte dieses Lagerorchester zum ersten Mal in Asien Beethovens 9. Sinfonie auf. Der Austausch mit der lokalen Bevölkerung war intensiv und nach Kriegsende blieben einige Soldaten im Lande. Es entwickelte sich eine Freundschaft, die bis heute fortbesteht und sich an vielen Orten manifestiert. So ist etwa das in den 1970er Jahren entstandene Rathaus demjenigen von Lüneburg im Stil nachempfunden. Ein groß angelegtes Konzert wird im Februar 2018 die 100-Jahr-Feier markieren. Kranzniederlegung am Gedenkstein für die deutschen Kriegsgefangenen. Ein altes Ehepaar, das die Gedenkstätte seit Jahrzehnten pflegt, wird zum Ministerpräsidenten geführt. Die japanischen Gastgeber werden gemeinsam mit Niedersachsen die Anerkennung der Überbleibsel als UNESCO-Weltdokumentenerbe beantragen. Ob das Erfolg hat, erscheint fraglich, aber schon der gemeinschaftliche Antrag setzt ein Zeichen der Verbundenheit und letztlich ist das doch ein Wert an sich.

Auf dem Weg zum Rathaus, das dem Lüneburger Rathaus nachempfunden wurde.

Der abendliche Abschiedsempfang des Gouverneurs übertrifft alles Bisherige. Traditionelle Musik, Tänze, die Teilnehmer, auch die deutschen, werden zum Mittanzen aufgefordert. Eine letzte Geste der Freundschaft. Jeder Tanzversuch wird von den Gastgebern dankbar und wohlwollend quittiert. Am nächsten Tag der Rückflug: Tokushima – Tokyo – München – Hannover. Nach 23 Stunden treffe ich zu Hause ein. Tagflug, man kann arbeiten. Kurz schlafen, am nächsten Morgen um 6 Uhr geht es zum Insolvenzgericht Rottweil.

Mehr Fotos und Infos von der Delegationsreise finden Sie auf unserem Instagram-Kanal unter instagram.com/roemermann_rechtsanwaelte_ag/ sowie auf meiner Facebook-Seite unter facebook.com/volker.romermann.
Autor
  • Prof. Dr. Volker Römermann
    Prof. Dr. Römermann ist Vorstand der Römermann Rechtsanwälte AG und als Experte insbesondere im Gesellschaftsrecht, Insolvenzrecht und im Recht der freien Berufe bekannt.
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