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Bewertung von Steuerberaterpraxen: Teil 3

Wonach bestimmt sich der Wert einer Steuerkanzlei? – Stärken und Schwächen verschiedener Bewertungsmodelle

Im Rahmen des (Ver-)Kaufs einer Steuerberaterkanzlei entscheidet allem voran der Preis über das „Ob“ des Eigentümerwechsels. Zur Wertermittlung dienen zweierlei Methoden, die auch die Bundessteuerberaterkammer in ihren aktuellen Richtlinien heranzieht: einerseits eine umfassende Unternehmensbewertung und andererseits die (klassische) Umsatzmethode. Welche Stärken und Schwächen beiden Herangehensweisen immanent sind, wird im Folgenden eruiert.

Umfassende Bewertung

Bei der umfassenden Unternehmensbewertung handelt es sich um ein vom Institut der Wirtschaftsprüfer ausgearbeitetes Modell, mit dem unter Zugrundelegung der vergangenen drei bis fünf Betriebsjahre ein Prognosewert errechnet wird – in diesem können unter anderem flexibel Stärken, Schwächen, Chancen, Risiken und ggf. strategische Neuausrichtungen berücksichtigt werden. Ein solch vieldimensionales Realitätsabbild lässt die Umsatzmethode hingegen zwar vermissen. Bei genauerer Betrachtung zeichnet die umfassende Bewertungsmethode aber inhaltlich letztlich nur die betriebswirtschaftlich bewährte SWOT-Analyse nach. Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken lassen sich hierüber auch bei Nutzung der Umsatzmethode über eine separate SWOT-Analyse benennen. Wer sich allerdings Gedanken über die Neuausrichtung macht, der sei gewarnt. Es leuchtet nicht ein, eine Kanzlei zu kaufen und direkt strategisch komplett neu auszurichten. Angesichts des hier offensichtlich spekulativen Moments wird im Übrigen kein Gutachter gerne das Haftungsrisiko dafür tragen wollen, diesbezügliche Überlegungen im Rahmen der (Ver-)Kaufpreisfindung konkret zu ermitteln und zu beziffern.

Weiterhin stellt die Ertragskraft der Kanzlei einen Kernfaktor dar. Nach Ansicht der StBK und des BGH ist diese (besonders bei kleinen Steuerentitäten) oft eng an den Inhaber als Hauptleistungserbringer gebunden, sodass der nach den individuellen Verhältnissen konkret gerechtfertigte Unternehmerlohn (in Teilen) vom Goodwill der Kanzlei abzuziehen ist (BGH, Urt. v. 6.2.2008 – XII ZR 45/06). Dass der Inhaber in besonderem Maße Umsatzgarant ist, ist indes keineswegs zwingend. Auch angestellte Mitarbeiter vermögen über spezielle Fähig- und Fertigkeiten oder Kenntnisse verfügen, die in umsatzentscheidender Weise genutzt werden. Mit zunehmender Kanzleigröße sinkt regelmäßig der direkte Umsatz des Inhabers, was die Taxierung ebenfalls nicht erleichtert. Somit sind die konkreten Kanzleiverhältnisse sinnvollerweise losgelöst von der Prämisse des Inhaberertrages vorzunehmen. Letzterer sollte aber insoweit veranlagt werden, wie ihn ein vergleichbarer Angestellter redlicherweise als Lohn erhalten würde.

Oft wird – getreu den Hinweisen der StBK – der Praxiswert durch einen bestimmten Kapitalisierungszins beeinflusst. Leider passt der Kapitalisierungszins nicht auf die Steuerberaterpraxis, weil er auf kapitalmarktorientierte Unternehmen zugeschnitten ist. Da branchentypische Risiken (z.B. Mandatsverlust, Personalabwanderung etc.) hier nicht im erforderlichen individuellen Umfang gewürdigt werden könnten, sollte vom Kapitalisierungszins grundsätzlich abgesehen werden.

Umsatzmethode

Die tradierte Umsatzmethode bedient sich der Umsatzzahlen der vorausgegangenen drei bis fünf Jahre (Bemessungsgrundlage) und multipliziert ihn mit einem zu bestimmenden Faktor, um (pauschal) die zukünftige Kanzleientwicklung zu extrapolieren (Multiplikator). Jener Faktor inkludiert die individuellen und personenbezogenen Gegebenheiten der Kanzlei. Zu trennen sind materielle von immateriellen Vermögenswerten. Während sich materielle Werte, wie z.B. Inventar, Forderungen oder EDV leicht bewerten lassen, bereiten meist die immateriellen Werte, wie z.B. Bekanntheitsgrad, Ruf der Kanzlei, Personalstruktur oder Mandantenstamm, Schwierigkeiten. Genau hierin aber liegen die wirklich relevanten Bemessungsgrößen, die jenen Multiplikator formen. Er beträgt zwischen 80 und 140 % – je nach Befund. Dreh- und Angelpunkt der (möglichen) zukünftigen Jahresumsätze ist die Mandatsliste, welche vorzugsweise nach Mandat, Tätigkeitsfeld, Branche, wiederkehrender oder einmaliger Leistung bis hin zum Alter u.ä. gegliedert wird. Die Personenbezogenheit von Steuerberatungsdienstleistungen gebietet aber gleichzeitig, vereinzelte Umsätze bei der Bewertung auszuklammern (z.B. Beiratsmitgliedschaften, Testamentsvollstreckung). Für den Erwerber relevant können nämlich nur solche Umsätze sein, die er auch fortführen kann. Daneben können Personalstruktur (Alter, Betriebsverbundenheit), Standort (Expansionsmöglichkeiten, Mitbewerberpräsenz) und Praxisrendite berücksichtigt werden und Zu- oder Abschläge provozieren. Letztlich wird jeder objektive Bewertungsversuch einerseits dadurch erschwert, dass der Bewertende auswählen kann, welche der vielen Faktoren er einbeziehen möchte und welche außen vor bleiben. Hier sind naturgemäß Spannungen zwischen Erwerber und Veräußerer gegeben. Andererseits folgt die Höhe von Zu- und Abschlägen weniger festen Vorgaben, einer Skala oder einem Muster, sondern beruht eher auf einer (erfahrungsbasierten) Schätzung.

Zusammenfassung

Im Ausgangspunkt bemühen sich beide Methoden unter Zuhilfenahme zahlreicher Individualfaktoren um präzise, einzelfallgerechte Wertbemessung. Obschon diese Versuche grundsätzlich begrüßenswert sind, gebärden sie sich nicht so eindeutig zielführend, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Daher drängt sich die Frage auf, ob nicht schlichtere Faktorenberücksichtigung ohne solche „Detailtiefe“ ebenso effektiv sein könnte. Zumindest aber gilt es, die zugrundeliegenden Bewertungsfaktoren sorgsam zu wählen. Zur Bewertung bestellte Gutachter orientieren sich im Übrigen auch vielfach an eigenen Erfahrungswerten. 

Autoren
  • Prof. Dr. Volker Römermann
    Prof. Dr. Römermann ist Vorstand der Römermann Rechtsanwälte AG und als Experte insbesondere im Gesellschaftsrecht, Insolvenzrecht und im Recht der freien Berufe bekannt.
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  • Lars Grupe, M.L.E.
    Dipl.-Jur. Lars Grupe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Römermann Insolvenzverwalter Rechtsanwaltsgesellschaft mbH. Sein Studium führte ihn bereits nach Göttingen und Oslo. Er hat zudem einen Magister in Europarecht (M.L.E.) und promoviert derzeit im internationalen Wirtschaftsrecht.
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