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Auf Delegationsreise mit Wirtschaftsminister Lies

Zukunft: Mobilität, Digitalisierung, Start-Up-Kultur

Im März 2017 führte der Weg eine etwa 60-köpfige Delegation unter Leitung des Niedersächsischen Wirtschaftsministers Olaf Lies in die USA. Ich konnte mit von der Partie sein und möchte hier einige Eindrücke des dicht gedrängten Besichtigungs-, Vortrags- und Gesprächsprogramms schildern.

Kälte in Chicago

Der Blick aus dem Hotelzimmer in Chicago zeigt den dortigen Trump-Tower, Unternehmen und Hotel der Familie des US-Präsidenten. Trump, für einige ein Hoffnungsträger. Sein Plan beinhaltet die Abschottung des US-Marktes gegen billigere Produktion von Fahrzeugen insbesondere in Mexiko, aber auch in Deutschland. Ob die angekündigten Zölle von 35 Prozent Realität werden, ist offen. Tendenziell ist aber sicher mit einer deutlichen Erschwerung des Marktzutritts für deutsche Hersteller zu rechnen, die oft in Mexiko produzieren. Passend zu dieser etwas frostigen Großwetterlage, wurde die Delegation in den ersten Tagen mit den Randerscheinungen eines Schneesturmes an der Ostküste konfrontiert: Eisigem Wind und Schnee auch im Zentrum der Stadt. Glück, dass der Flug nach Detroit nicht zu den über 200 abgesagten Flügen dieses Tages aus Chicago gehörte.
Kälte und Schnee in Chicago

Renaissance in Detroit

Detroit, eine stolze, vom Niedergang gezeichnete, womöglich – so die Hoffnung, die vor Ort spürbar ist – in einer Aufwärtsbewegung begriffene Stadt. Die Liste berühmter Söhne und Töchter der Stadt ist so lang, dass Wikipedia ihr einen eigenen Hauptartikel widmet, nicht zuletzt: Alice Cooper, Eminem, Iggy Pop, Charles Lindbergh, Henry Ford. Ford beginnt 1909 mit der Massenproduktion von Automobilen. Da hatte er schon zwei gescheiterte Anläufe hinter sich – das Thema Scheitern und Wiederaufstehen wird uns auch im Silicon Valley wieder intensiv begegnen. Um 1900 etwa 300.000 Einwohner, nur 50 Jahre später knapp unter 2 Mio., aktuell etwa 700.000. Wäre eine solche Bevölkerungswanderung, ausgerichtet an Orten mit Arbeitsmöglichkeiten, in Deutschland denkbar? Wohl kaum. 2013 die Insolvenz der Stadt. Sie ist nach der Gesetzgebung des Staates Michigan möglich und erlaubt dem Insolvenzverwalter drastische Maßnahmen zur Restrukturierung und wirtschaftlichen Genesung. In Deutschland hatte Professor Christoph Paulus (Humboldt-Universität zu Berlin) schon vor vielen Jahren auf meine Einladung (als Vorsitzender des Vorstandes des Instituts für Insolvenzrecht in Hannover) hin über die Insolvenz von Staaten und Kommunen referiert, ohne dass jedoch Vertreter der entsprechenden Körperschaften dafür Interesse gezeigt hätten. Amerika lebt es vor.

 
 
 
Die Geschichte der Automobilindustrie nahm bei der Detroit Historical Society selbstverständlich einen besonderen Platz ein. Foto 2: IAV mit dem „Internet of Things on Board“. Foto 3: Autonomes Fahren im Selbsttest in der MCity, der 130.000 qm großen Test-Stadt auf dem Campus der Universität von Michigan.

Inzwischen sind in Detroit sogenannte „Renaissance Zones“ ausgewiesen, welche die Bevölkerungsabwanderung stoppen und die Wirtschaft stabilisieren sollen. Dabei setzt man auf Neugründungen, Start-Ups werden tatkräftig unterstützt. Auch deutsche Unternehmen sind in Detroit sichtbar, nicht zuletzt IAV, wo der Delegation Aspekte des Internet of Things im Auto und des autonomen Fahrens aufgezeigt wurden. Eine Gelegenheit zur Erfahrung mit autonomem Fahren ergab sich im Mobility Transformation Center der University of Michigan. Auch das Thema Cyber-Security wird hier eng verfolgt, ergeben sich doch aus dem autonomen Fahren neue Möglichkeiten für Kriminelle, auf das Fahrzeug einzuwirken.

Silicon Valley

Das Silicon Valley, dritte Station der Reise. Wer zum ersten Mal hier war, wurde von Generalkonsul Stefan Schlüter gleich zu Beginn dazu eingeladen, den örtlichen Gepflogenheiten zu folgen und die Krawatte abzulegen. Schlüter erinnerte in seiner Einführung an die Kultur des Valley, wo Scheitern ein integraler Bestandteil ist und als Wegstrecke wahrgenommen wird, die Lernen und Erkenntnisprozesse befördert. Venture Capital, Scheitern, Start-Up sind keine Gegensätze, sondern miteinander verzahnt. Das knüpfte an an seine Einführung bei der letzten niedersächsischen Delegationsreise unter Leitung von Ministerpräsident Stephan Weil. Immer beeindruckend ist ein Besuch der Stanford University. „Nothing is a mistake. There’s no win and no fail. There’s only MAKE“, prangt in großen Lettern über den Köpfen, als Larry Leifer, Professor an der Stanforder „D-School“ und Guru des Design Thinking, seinen Vortrag beginnt. Eine Vorlesung ist das nicht, eher ein Workshop, eine Führung durch das kreative Dasein der Universität. Über 30 Mrd. US-Dollar Vermögen, Haushalt von etwa 4 Mrd. US-Dollar, 16.000 Studenten, 13.000 Mitarbeiter, davon 2.000 Professoren, und auch: 12 Goldmedaillen bei der Olympiade in London 2012.
Larry Leifer, Leiter des HPI-Stanford-Design-Thinking-Research-Programms

Spannende Erkenntnisse bei Larry Leifer an der Stanford University. Er ist Leiter des HPI-Stanford-Design-Thinking-Research-Programms.

Worum geht es Leifer nun in dieser Speerspitze der Wissenschaft, wo allgegenwärtig Digitalisierung und Automatisierung begegnen? „Empathie“, das ist sein Punkt. Ein Teilnehmer muss noch einmal nachfragen an dieser Stelle und in der Tat sind wohl alle, die Leifer folgen, zuerst verblüfft. Ja, Empathie, das sei doch das Wesentliche in allen Beziehungen, auch, aber nicht nur in der zum Kunden. Das trifft sicher zu und droht doch leicht aus dem Blickfeld zu geraten. Strukturen werden aufgebrochen, geben Kreativität Raum. „Classroom“, Hörsaal oder Klassenzimmer also, das hört sich schon angstbehaftet an. Leifer führt daher in „Studios“, wo früher Sitzbänke und lange Tische standen, später stand man, jetzt: Ein hoher Tisch, vier Personen aufrecht darum herum, auf Augenhöhe, Interaktion nicht nur zugelassen, sondern erwünscht. So entstünden Ideen. „Collaboration“ sei wichtig, was Leifer zu Co-Operation abgrenzt: Gemeinsame Arbeit an einem Datenpool, Netzwerken, eigenverantwortliche Teams seien für Kollaboration kennzeichnend, der bloße Austausch zwischen Individuen für Kooperation. Ob das von der bisherigen, allgemeinen Begrifflichkeit getragen wird oder nicht vielmehr den Stanford’schen Ansatz zu eigener Begriffsprägung darstellt: dahingestellt.

Design Thinking und autonomes Fahren

Die D-School in Stanford wurde finanziert von Hasso Plattner, dem bekannten SAP-Gesellschafter. Ein Besuch bei SAP reihte sich insoweit gedanklich nahtlos an. Dort stand Design Thinking im Vordergrund. Plakate über den Köpfen: „Fail early, fail often – Ideo“, „Design Thinking was always at the heart of SAP’s success – Hasso Plattner”, oder „The secret to success is and always will be listening to the costumer – Bill McDermott“. Derselbe McDermott, über dessen Jahresvergütung von über 14 Mio. Euro die Frankfurter Rundschau am Tage unseres Firmenbesuches, dem 17. März 2017 titelte: „Managergehälter: SAP-Boss McDermott kassiert am meisten“.

Vorbei an Tesla und hin zu Waymo, der Google-Tochtergesellschaft für autonomes Fahren. Autos wolle Google nicht produzieren, wurde betont. Welches Geschäftsmodell denn hinter Googles Aktivitäten in diesem Bereich stecke: eine unbeantwortete Frage der Delegationsteilnehmer. Wie man anderweitig hörte, hatte Google wohl Kooperationspartner im Automobilsektor gesucht, war aber nicht zuletzt in Deutschland auf kühlen Empfang gestoßen. In der Präsentation wurde vorgeführt, wie sich aus Sicht eines autonomen Fahrzeugs die Verkehrslage darstellt. Woher weiß das Auto, dass der schwankende Gegenstand vor ihm in Wirklichkeit ein Polizist ist, der wegen eines Unfalls mit der Kelle den Verkehr leitet?

HewlettPackard, oder: HP, 1939 gegründet, bewahrt andächtig die Büros seiner Gründer William Redington Hewlett und David Packard noch im Originalzustand. Hewletts Brieföffner ziert ein Pferdekopf, was für die Delegation naturgemäß nichts anderes bedeuten konnte als die implizite Nähe zu Niedersachsen. Im selben Gebäude dann die Technologie von heute und morgen, auch hier inspiriert vom Design Thinking. Die Coca Cola-Kampagne etwa mit den namentlich personalisierten und individualisierten Flaschen, möglich erst durch erschwingliche Druckkosten. 3 D-Druck auch komplexer Strukturen. Eine Weltkarte, binnen weniger Sekunden hochauflösend mehrfarbig gedruckt, auch das ist nicht mehr kostenintensiv und wurde vor Ort gezeigt.
Büro des Mitgründers David Packard im Originalzustand 

Uber: Big Data über Mobilität

Ein letzter Unternehmensbesuch am Tage der Abreise: Uber. Im Zentrum San Franciscos, in einem Hochhaus zusammen mit anderen. Schärfste Sicherheitsbestimmungen der ganzen Reise, Einzelerfassung mit Foto und Unterschrift. Der Vortrag wurde gehalten von zwei jungen Männern, der eine sechs, der andere schon acht Wochen im Unternehmen. Uber als bloße Konkurrenz zu herkömmlichen Taxiunternehmern zu verstehen, wäre viel zu kurz gegriffen. Nicht der Umsatz pro Fahrt ist das entscheidende Kapital der Gesellschaft, sondern die dadurch gewonnenen Daten. Uber ist etwa seit 2012 in Paris aktiv, erfasst jede Anforderung, jede Fahrt eines Kunden mit Ausgangs-, Endpunkt, Route, Preis. Das Unternehmen verfügt heute für viele Städte über weitaus bessere Daten über Verkehrsströme als insbesondere die Betreiber des Öffentlichen Personen-Nahverkehrs. Uber weiß, wer von wo nach wo um welche Uhrzeit fährt und welchen Preis er bereit ist, dafür zu zahlen. In einer zukünftigen Mobilitätswelt mit autonomen, geteilten Fahrzeugen, weiter knappem Parkraum, gestiegenen Mobilitätsanforderungen ein unschätzbares Wissen.  

Nach einer Woche die Rückkehr. Eine inspirierende, Horizonte erschließende Reise, geleitet von Olaf Lies: immer neugierig, wissensdurstig, souverän, verbindlich, nahbar, auch: Nähe suchend. Die niedersächsische Wirtschaft kann froh sein, einen solchen Mann an der Spitze wirtschaftspolitischer Entscheidungen zu wissen.

Autor
  • Prof. Dr. Volker Römermann
    Prof. Dr. Römermann ist Vorstand der Römermann Rechtsanwälte AG und als Experte insbesondere im Gesellschaftsrecht, Insolvenzrecht und im Recht der freien Berufe bekannt.
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